„Oma, ist das hier das Ende der Welt ?“ –

Nachkriegszeit in Dinklage – Teil 1

Flucht und Vertreibung

abtransport

Abtransport von Flüchtlingen aus heute polnischem Gebiet

 

„Oma, ist das hier das Ende der Welt ?“ fragte das fünfjährige Mädchen bei ihrer Ankunft in Dinklage angesichts des Prellbocks am Ende des Gleises.  Es war am 22. Februar 1945 als Klaus-Peter Quill mit seiner Schwester und seiner Oma in Dinklage eintraf. Sie hatten ihre niederschlesische Heimat wegen des unaufhaltsamen Vorrückens der Sowjetarmee verlassen müssen.  Nun sollte Dinklage bis zum Jahr 1953 seine neue  Heimat werden. In diesem Jahr verließ er Dinklage wieder, um in Frankfurt eine Lehrstelle anzutreten. Im damals noch schwach strukturierten Südoldenburg ließ sich sein Berufswunsch nicht verwirklichen.

 

 

Mit den 2 Zimmern im Bahnhofsgebäude, die Ihnen nach nach 14 Tagen der Unterbringung  bei einer Verwandten, die bereits in Dinklage lebte, hatte es die Familie noch gut getroffen.  Andere kamen in Baracken und notdürftig hergerichteten Schweineställen unter. Der aus Schlesien nach Dinklage vertriebene Rudolf Jenschke berichtet  von oft nicht mehr als 4m², die einer Person zur Verfügung standen.

 

 

Während die Ernährung der großen Masse an Flüchtlingen im kaum zerstörten, landwirtschaftlich geprägten Südoldenburg das geringere Problem darstellte, fehlte es massiv an Wohnraum. Im Jahr 1950, das in etwa den Höhepunkt der Flüchtlingswelle markierte, betrug der Anteil der Flüchtlinge an den damals 7655 Einwohnern mit 1796 Personen knapp 24% . Ein weiteres Problem war die Gesundheitsfürsorge. Zwar hatte Dinklage ein Krankenhaus, doch dieses war überfüllt von an Diphtherie erkrankten Kindern.

Wie groß die Notlage der Flüchtlinge  war zeigt das Beispiel aus dem Raum Göttingen:

„Von den Schulkindern waren 40% Flüchtlingskinder, 31% ohne Winterschuhe, 9% trugen ausgeliehene, 12% mussten einen Wohnraum mit mehr als 3 Personen teilen, 6% hatten kein eigenes Bett, 13% waren Halbwaisen“

Im Vergleich hierzu erscheint das  nicht enden wollende Gejammer über den heutigen Flüchtlingszuzug geradezu lächerlich, zumal der Kreis Vechta heute über Vollbeschäftigung verfügt. Das sah 1953 noch ganz anders aus.

So heißt es in  „Oldenburg schaffendes Land“, 1953:

“ Art und Größe der Industrie reichten nicht, die vielen Vertriebenen, Evakuierten und Zugewanderten in den Arbeitsprozess einzugliedern. Die Zahl der Dauerarbeitslosen beträgt bei einer Arbeitnehmerschaft von 18000 im Durchschnitt 4000. Davon sind 80% Vertriebene“

Die Probleme vorausahnend mahnte Bischof Clemens August Graf von Galen bereits am 15. August 1945 in einem Hirtenbrief:

“ Die Stunde der Caritas ist da… Alles was die Caritas bisher geleistet hat, erscheint uns jetzt fast nur als eine Vorübung für die gegenwärtige Zeit, in der die Not ins Riesengroße gewachsen ist. Jetzt muss es sich zeigen, ob wir unsere Sendung erkennen …. “

und appelliert  weiter, den Heimatlosen Tür und Herz zu öffnen. Es sei:

“ Ein tiefer Eingriff in die eigenen Bestände notwendig“

Die Menschen jener Zeit haben es geschafft, sind näher zusammengerückt nicht ohne Konflikte und Schwierigkeiten, auf die im 2. Teil noch einzugehen sein wird, aber Sie haben es schließlich geschafft. Dafür gebührt ihnen unser Respekt.

 

Die für diesen Beitrag benutzten Quellen  sind unter anderen:

  • Dinklage 1231- 1981
  • Dinklage im Wandel der Zeit
  • Rudolf Jenschke in Utkiek Nr. 44
  • Klaus-Peter Quill in  Die Museumseisenbahn 2 – 2004
  • Eckermann, Kuropka (Hrsg) Neubeginn 1945
  • Michael Hirschfeld, Katholisches Milieu und Vertriebene
  • Michael Hirschfeld, Markus Trautmann (Hrsg) Gelebter Glaube Hoffen auf Heimat
  • Oldenburg schaffendes Land
  • Fürchte Dich nicht Kleine Herde 150 Jahre Ev. luth. Kirchengemeinde Wulfenau
  • Oldenburg schaffendes Land
  • Dinklager Kord und Lohne Schürzen

 

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