Briefe aus dem Küsel

 

Einmal mehr hat mich ein Buch, dass mir zufällig in die Hände gefallen ist, vom Schreiben eines anderen Beitrags abgehalten:  Es handelt sich um die „Briefe aus dem Küsel“ Hochinteressant ist das Buch deshalb, weil hier eine große Anzahl privater Briefe der Elisabeth Gräfin von Galen geborene Reichsgräfin von Spee  abgedruckt sind.

 

Die Gräfin Elisabeth von Spee, Ehefrau von Graf Ferdinand von Galen ist die Mutter des Kardinals Clemens August Graf von Galen. Sie ist eine gebildete, herzensgute Frau aus adeligem Hause und eine eifrige Briefeschreiberin. All ihren Kindern schreibt Sie auch im Alter noch wöchentlich. Diese authentischen Briefe mit den Zusatzinformationen der Autorin geben einen hochinteressanten Einblick in die Lebenswelt der Familie von Galen.

Während Ihr Ehemann Ferdinand von Galen  meist als Reichstagsabgeordneter in Berlin, als Landtagsabgeordneter in Oldenburg oder in anderen Geschäften unterwegs ist. hält sie sich, abgesehen von etlichen Reisen zu ihrem geliebten Elternhaus nach Heltorf bei Düsseldorf, nach Münster, Assen oder auch zu Erholungsreisen an den Gardasee, überwiegend in Dinklage auf.

Burg Dinklage nennt sie den „Alten Küsel“ wohl  im Gegensatz zum komfortabler eingerichteten Haus Assen. oder dem Galenschen Hof in Münster.  Überhaupt scheint man sich im Hause von Galen gern seltsamer Spitznamen zu bedienen: „Strick und Clau“ für die Söhne Franz und Clemens August, „Abt“ oder „Äbtchen“ für Wilhelm,und „Ente“ für die Kinderfrau sind nur einige davon.

Die hauptsächliche Tätigkeit der Gräfin ist schnell dargestellt: Kinder gebären! Im Laufe von 25 Jahren bekommt sie 13 Kinder, davon allein 9 in den ersten 11 Jahren ihrer jungen Ehe (Bei ihrer Hochzeit ist sie 19 Jahre- Ihr Ehemann ist 11 Jahre älter.)  Sie beschäftigt sich auch gern mit Ihnen und später mit ihren Enkeln, die häufig für längere Zeit zu Besuch sind, doch  durch die Kinderfrau „Ente“, dem Burgvikar Pröbsting und weiteren Bediensteten werden Ihr viele Aufgaben abgenommen.

Zudem sind Ihre Söhne schon in jungen Jahren  zur Erziehung  bei Jesuiten im entfernten Feldkirch untergebracht und kommen nur im Sommer für 2 Monate nach Hause.  Überhaupt ist Die Religion und eine fast schon naive Gottgläubigkeit  die zentrale Antriebskraft in ihrem Leben.  Ein Beispiel hierzu ist der Brief,  den sie nach dem frühen Tod ihres Kindes Joseph (mit 2 1/2 Jahren) an ihren Halbbruder Matthias schreibt:

“ …Du wirst aus Heltorf gehört haben, durch welch schmerzliches Opfer der liebe Gott uns geprüft und begnadigt hat! Denn mehr noch als ein Schmerz ist es eine Gnade und ein Glück, ein liebes Kind am Throne Gottes zu haben. Man sollte nur Freudentränen vergießen, wenn man daran denkt, wie früh und so leicht das liebe Seppelchen zur ewigen Seligkeit gelangt ist. ….“

Bereits 6 Jahre vorher war Elisabeth von Galens erstes Kind, ihre Tochter Elisabeth verloren. Auch da hatte sie in Ihren Briefen ganz ähnliche Empfindungen gezeigt.  Diese Schicksalsergebenheit der  an sich lebensfrohen Frau, die in jungen Jahren gern an Tanzvergnügungen teilnahm, ist bemerkenswert und aus heutiger Sicht nicht unbedingt nachvollziehbar, passt aber zu dem katholischen Milieu in das sie eingeheiratet war.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass 2 Ihrer Töchter ins Kloster gehen, ein Sohn ebenfalls die Ordenslaufbahn einschlägt und ihr Sohn Clemens August schließlich sogar Kardinal und seliggesprochen wird.

Das Buch liefert noch reichlich Stoff, um noch weiter auf das religiös motivierte Selbstverständnis der Familie von Galen, ihre Rolle im Kulturkampf und die Folgen für unseren Ort einzugehen, würde hier aber den Rahmen sprengen.

Eines wurde mir bei der Lektüre des Buches allerdings klar: Auch wenn die Sprösslinge dieses Adelsgeschlechts keine materielle Not leiden mussten, kann ich froh sein, nicht diesem Hause zu entstammen, sondern einen Teil meiner Vorfahren in der Familie des Gärtners Joseph Schlinkert zu haben, der in den 1930 er Jahren die Gärtnerei auf Burg Dinklage gepachtet hatte. Eine Reihe seiner Nachkommen, wie auch ich selbst,  wurden Gärtner und mit Sicherheit deutlich liberaler erzogen.

Familie von Galen 1904 und Familie Schlinkert 1933 im Vergleich der Standesunterschiede

 

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